Nachhaltigkeit messbar machen

Nachhaltigkeit messbar machen: Die Ökobilanz im BIM-Prozess

Die Anforderungen an die TGA- und Bauplanung verschieben sich rasant. Es geht längst nicht mehr nur um Kollisionsfreiheit, hydraulischen Abgleich und Termine. Spätestens seit dem Einzug staatlicher Förderbedingungen wie dem QNG (Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude) rückt eine Frage ins Zentrum: Wie nachhaltig ist das Gebäude wirklich? Die Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, kurz LCA) wird vom theoretischen Nischenthema zum harten Planungskriterium.

Anstatt am Ende der Planung mühsam Excel-Listen aus alten PDFs zusammenzusuchen, nutzen wir das BIM-Modell, um die Daten für die Ökobilanzierung direkt aus der CAD-Umgebung zu ziehen. Aber wie funktioniert dieser Workflow heute schon in der Praxis?

Warum reicht „Energieeffizienz“ im Betrieb nicht mehr aus?

Lange Zeit lag der Fokus fast ausschließlich auf den CO₂-Emissionen während der Nutzung (Operational Carbon), etwa durch optimierte Heizungs- und Kühlsysteme. Aktuelle Studien verdeutlichen jedoch ein massives Paradoxon: Je energieeffizienter ein Gebäude im Betrieb wird, desto schwerer wiegt der ökologische Fußabdruck seiner Herstellung. 

Bei modernen Passivhäusern, Plusenergiehäusern oder Netto-Null-Energie-Gebäuden (NZEB) macht die sogenannte graue Energie – also die Emissionen aus der Materialherstellung, dem Transport, der Errichtung und dem späteren Rückbau (Embodied Carbon) – oft den weitaus größten Teil der Gesamtemissionen aus. Wenn der operative Betrieb durch erneuerbare Energien nahezu CO₂-neutral läuft, schlägt die Waagschale komplett in Richtung der verbauten Materialien um.

Das bedeutet für uns Planer: Wer heute klimaneutral oder gar „klimapositiv“ bauen und sanieren möchte, darf nicht mehr nur die Effizienz der Anlagen im Betrieb betrachten. Wir müssen den gesamten Lebenszyklus der Komponenten – von der Wiege bis zur Bahre – in den Blick nehmen. Genau hier setzen Berechnungsnormen wie die DIN EN 15978 an, die den methodischen Rahmen für diese ganzheitliche Betrachtung vorgeben.

Energieeffizienz im Gebäudebetrieb ist nur ein Teil

Energieeffizienz im Gebäudebetrieb ist nur ein Teil der nachhaltigen Bauwirtschaft


Welche Daten stecken für die LCA im Modell?

Eine Ökobilanz benötigt im Wesentlichen zwei Komponenten: Massen bzw. Mengen und materialgenaue Kennwerte. Das BIM-Modell liefert hierfür die perfekte geometrische und alphanumerische Grundlage. In der Praxis greifen wir direkt auf diese Daten zu:

  • Geometrische Daten (LOG): Kubaturen von Bauteilen, Flächen von Wandaufbauten oder Längen von Rohrleitungen und Kanälen lassen sich direkt als Massen extrahieren. Datenanalysen zeigen beispielsweise, dass Decken und Wände den größten Anteil der grauen Energie im Rohbau verschlingen. Hier lässt sich früh ansetzen.
  • Alphanumerische Daten (LOI): Den geometrischen Bauteilen müssen spezifische Umweltindikatoren zugewiesen werden. Dazu gehört vor allem das Treibhausgaspotenzial (GWP in kg CO₂-äqv.). Diese Werte stammen aus standardisierten EPD-Datenbanken wie der ÖKOBAUDAT.
  • Der TGA-Hebel: In der Technischen Gebäudeausrüstung gewinnen Stückzahlen von Anlagen, Wärmepumpen oder Lüftungsgeräten massiv an Bedeutung. Da Anlagen im Laufe des Gebäudelebenszyklus mehrfach ausgetauscht werden müssen (Berechnungszeitraum sind meist 50 Jahre), multipliziert sich deren ökologischer Fußabdruck über die Jahre. Ein sauberes Datenmodell ermöglicht es, diese Austauschzyklen automatisch hochzurechnen.

Dateiformate und Datentransfer: Wie wandern die Infos?

Damit die Daten aus Autorenwerkzeugen wie Autodesk Revit in LCA-Systeme gelangen, braucht es vordefinierte, offene Datenstrukturen. Der manuelle Export über unstrukturierte Excel-Tabellen ist fehleranfällig und bricht den BIM-Workflow auf.

  • openBIM und IFC: Das IFC-Format bildet das Rückgrat des gewerkeübergreifenden Datenaustauschs. Über standardisierte Property Sets (Pset) und normierte Elementstrukturen können Material- und Nachhaltigkeitsdaten direkt am Objekt transportiert werden.
  • Spezifische Plugins & Validierung: In der täglichen Praxis bieten integrierte Plugins (wie One Click LCA oder Tally) eine direkte Brücke zu Revit oder anderer BIM-fähiger Software. Bauteile und MEP-Komponenten werden direkt im CAD-System mit Ökobilanzdaten gemappt. Das spart Zeit und verringert Reibungsverluste an den Modellschnittstellen.
Über Tools und Plugins lassen sich die Daten leicht übertragen

Über Tools und Plugins lassen sich die Daten leicht übertragen

Die Brücke zu AVA und Kostenplanung: Das 6D-Modell

Methodisch weisen Ökobilanzierung und Kostenplanung enorme Parallelen auf. Beide Prozesse basieren auf derselben geometrischen Mengenermittlung des Modells.

In der BIM-Theorie spricht man von Dimensionen: Während die reine Geometrie 3D ist, die Zeitplanung die 4D- und die Kostenplanung die 5D-Ebene abbilden, wandert die Nachhaltigkeit als 6D-BIM in das Modell.

Wer sein BIM-Modell für eine modellbasierte Kostenermittlung (5D-BIM) strukturiert hat, besitzt meist schon 80 % der Datenstruktur, die für eine LCA notwendig ist. Über AVA-Schnittstellen (wie das GAEB-Format) lassen sich Bauteilmengen mit Leistungspositionen verknüpfen, die neben dem Preis eben auch den CO₂-Fußabdruck enthalten. Ressourcenschonendes Planen bedeutet hier: Kosten und Ökologie im selben Arbeitsschritt iterativ zu optimieren.

Die BIM-Dimensionen stellen die Tiefe des Informationsmodelles dar

Die BIM-Dimensionen stellen die Tiefe des Informationsmodelles dar

DGNB, QNG und die Relevanz für Förderungen

Warum investieren Bauherren überhaupt in diesen Mehraufwand? Die Motivation ist heute fast immer wirtschaftlicher Natur und eng an Zertifizierungen gekoppelt:

  • DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen): Fordert eine ganzheitliche Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Das BIM-Modell hilft uns, Variantenvergleiche in frühen Leistungsphasen schnell durchzuspielen.
  • QNG (Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude): Dieses staatliche Siegel ist in Deutschland die Grundvoraussetzung für zinsgünstige KfW-Förderkredite. Ohne eine fundierte, nachweisbare LCA-Berechnung nach festen Grenzwerten gibt es kein Siegel – und damit keine finanziellen Fördergelder für den Bauherrn.

Das Fazit für den Planungsalltag

Die Einbindung von LCA-Daten in den BIM-Prozess zeigt, dass Nachhaltigkeit und TGA-Fachplanung keine getrennten Welten mehr sind. Indem wir Modelle von Anfang an mit den richtigen Attributen füttern und offene Schnittstellen nutzen, schaffen wir echten Mehrwert für Bauherren – ganz ohne bürokratischen Blindflug. Die Werkzeuge sind da, wir müssen sie nur konsequent in unseren bestehenden Workflows einsetzen.